Heft 6/2003

Richard Ziegert Die EKD-Kirchen angesichts der Globalisierung
 



»Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden unter dem Einfluss des technischen und ökonomischen Wandels die Konturen einer Weltgesellschaft immer deutlicher ... Dies gilt für die Religion genauso wie für den ökonomischen und technischen Bereich ... Einzelne Strömungen wetteifern um die Vorherrschaft ... Zwischen und in den Religionen findet ein Konzentrationsprozess statt, an dessen Ende sich mit großer Wahrscheinlichkeit religiöse Monopole und Oligopole befinden werden, die den religiösen ›Weltmarkt‹ kontrollieren ... Auch innerhalb des Protestantismus ist eine solche Entwicklung zu beobachten«1.


I. Die religiösen Dimensionen der Kulturfrage im Kontext der Globalisierung


Die für unsere Kirche damit unausweichliche Frage nach unserer »Corporate Identity« betrifft nicht zuerst das Feld, »wie wir mit dem neuen selbstsicheren, aber existenziell tief verunsicherten Typus von Mensch, den unsere Wohlstandsgesellschaft am Ende ihrer politischen Unmündigkeit als Produkt vorzuweisen hat, seelsorgerlich umgehen«2. Die entscheidende Frage wird sein, wie wir das mit der Globalisierung verbundene Kulturproblem insgesamt angehen, das u.a. heißt: Entdemokratisierung, Wachstumszwang, Gewinnorientierung, Orientierung an Kundenbedürfnissen. Alles Ausweichen vor dem Blick auf die neuen Realitäten hängt viel weniger an der von allen »Apparaten« gerne in Kauf genommenen, mit der Globalisierung in unerhörter Wucht verbundenen Entdemokratisierung3, sondern daran, dass das Ergebnis der kirchlichen Neuaufstellung in seinen Strapazen vorausgeahnt wird: Quer zur katholisch/evangelischen Grunddifferenz wird die Erarbeitung einer heute gültigen christlich-religiösen Wirklichkeitsauffassung angesichts der Globalisierung und ihrer Akteure soziopolitische Ordnungsvorstellungen und eine neue kirchliche Fasson begründen, die nach dem Ostkirchenschisma und der Reformation praktisch auf eine neue, dritte Spaltung des Christentums hinauslaufen: »Der neue Graben, der sich quer durch das Christentum zieht, bringt nicht nur grundsätzliche theologische Unterschiede, sondern auch einen tief verwurzelten Kulturkonflikt zum Ausdruck, dessen Ursachen im Modernisierungsprozess selbst liegen«4. Seine Bruchlinien markieren grundverschiedene Wahrheitsverständnisse und die Kulturdifferenz in der Auffassung von gesellschaftlicher Ordnung zwischen Mitteleuropa und den USA.
Alle heute groß gewordenen neuen religiösen Bewegungen verdanken ihren Erfolg der seit ca. 1970 zu beobachtenden Verlagerung säkularer Ideologie und Heilskonzepte in verschiedenste religiöse Formen. Kultur wird auch bei uns seitdem in einem neuen, umfassenden Sinn immer stärker religiös aufgeladen, weil es dafür wachsende Bedürfnislagen gibt und weil diese von außen zielgerichtet angestachelt und dann auch wirtschaftlich und ideologisch ausgebeutet werden. Nie spricht das höchstens 200 Aktive umfassende, in allen Projekten wechselseitig auftauchende und untereinander hochgradig vernetzte evangelikale Personengeflecht in Deutschland dabei von Modernisierung der Religion. »Wenn das Wort Erneuerung überhaupt noch fällt, so ist immer die Erneuerung der Gesellschaft gemeint«5. Was den religiösen Kern der neuen Aktionismen dieses religionspolitischen Konsortiums betrifft, ist nur Regression zu erkennen: Ein subtil gewaltbereiter christlich-religiöser Atavismus, der freilich mit modernsten Mitteln die Verlagerung des Engagements auf alle Felder der Kultur betreibt und die Steuerungsgewalt über die moderne Gesellschaft gewinnen will: Jugendbildung, Schule, Universitäten und Religionspolitik, Medien und Sozialpolitik werden mit einem radikalpolitischen Engagement überzogen, das von einer zutiefst autoritären, in ihrem Sinn »pneumatokratischen«6, nicht mehr entfernt demokratischen Vorstellung von »reiner« Gesellschaft bestimmt ist.


II. Die globale Expansion der US-Religionswirtschaft


Spätestens seit 1945 gilt: »Wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch. Ob wir es wollen oder nicht: Die Welt geht in einem rasanten Tempo einer Neugestaltung entgegen. Wir sind auf dem Weg zu einer Einheitszivilisation und einer Einheitskultur. Morgen werden sich die Menschen in ihrem Gehabe und in ihren Lebensgewohnheiten in Berlin, Washington, Tokio, Peking, Montreal und Sidney kaum noch wesentlich unterscheiden. Und kein Land, keine Stadt, kein Dorf, sei es auch das entlegenste, kann sich der unwiderstehlichen Gewalt dieser Umformung entziehen«7. Die so 1948 vom Münsteraner Bischof klar gesehenen Entwicklungen begreifen die neue globale Dimension des »Marktes«, der im Blick auf die neue Weltmächtigkeit der USA als »natürliches, überhistorisches sowie zugleich moralisch gutes Prinzip verstanden wird, weil er allein der utilitaristischen Psychologie von individueller Glücksmaximierung angemessen ist«8. Das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs lässt die Logik der mit Amerikas überlegener Kriegsmacht amalgamierten nackten Marktprinzipien Zug um Zug bei uns nun auch in alle Bereiche religiöser Organisation eindringen. Bischof Keller hat damals schon begriffen: die US-Religionswelt wird nicht akzeptieren, dass es außer ihr noch eine andere Form des Christentums gibt. Und sie wird alles tun, um unsere Verhältnisse den ihrigen anzupassen9, die Strukturen der Marktwirtschaft werden es erzwingen: »The global diffusion of the forms of Christian fundamentalism largely results from distinct economic developments (Die globale Expansion des christlichen Fundamentalismus hängt an der wirtschaftlichen Entwicklung)«; die daraus zugleich einen »fundamentalist Americanism« macht, »that simultaneously sanctifies American nationalism and the American ›gospel‹ of success, wealth and prosperity« (der gleichzeitig den amerikanischen Nationalismus und das US-›Evangelium‹ von Erfolg, Wohlstand und Wachstum heiligspricht)10.
Die Haupteigenschaft dieses neuen, vom protestantischen Fundamentalismus wie eine inoffizielle Staatsreligion geprägten US-Religionsmarktes ist die Materialität seiner Werbung, d.h. der inhaerente Zwang, den Marktwert des Religiösen auszudrücken. Faktisch lässt sich dies nur in einer einzigen Form verwirklichen: im Geldwert. Alle »Verkaufsware« lässt sich eben nur in einem Medium messen: dem Geld. »Ohne Geld findet keine werbliche Kommunikation statt«11. Der Markt ist das Kind des Geldes. Geistiges, Religiöses gewinnt eine materielle Form, wenn dafür Zeit oder Platz gekauft wird. »Wenn gekaufte Zeit die Rahmenbedingungen diktiert, dann hat dies unmittelbare Fol-gen für die Sprache ... Sprache wird in der Werbung zugleich pauperisiert und komprimiert. Sie verliert an semanti-
scher Komplexität und das, was übrigbleibt, sagt auf doppelt und dreifache Weise immer wieder das gleiche«12. Religion muss so vom Umsatzzwang geleitete »Pop-Religion« werden: Der Religionswissenschaftler Hubert Knoblauch summiert sorgenvoll: »Das Geheimnis, das
die Welt zusammenhält, ist das Geld. Damit werden alle bisherigen substantiellen Theologie- oder Religions-Experten entwertet. An ihre Stelle treten nun »Experten der Wissensvermittlung, Präsentation und Inszenierung«13. Nicht von ungefähr beschäftigt eine »Megakirche« wie Willow Creek, repräsentativ für eine im Augenblick erfolgreiche religionswirtschaftliche Mode, nur eine Handvoll in USA ausgebildeter Theologen, dafür das hundertfache von Psychologen, Betriebswirtschaftlern, Medienleuten, Sozialarbeitern usw.
Auch in Deutschland, der »unglücklichen Kolonie der USA«,14 wächst der Einfluss des US-Religionsverständnisses kontinuierlich, da immer mehr Hindernisse fallen. Was wir in den vergangenen 15 Jahren an politischen Erpressungsversuchen unserer Regierung und an Unterstützung z.B. der Scientology-Psychosekte durch State Department, die US-Botschaft und ihre Konsulate in Deutschland erlebten, ist nicht untergegangen, im Gegenteil: nur die Schwerpunkte haben gewechselt. Die US-Administration stützt heute so massiv wie nie zuvor den Export ihres »New Evangelicalism« auch nach Deutschland, der indirekt mit Regierungs-Mitteln über Stiftungen für seine Expansionsarbeit in ganz Europa, aber noch viel mehr und mit ungeheurem Kräfteeinsatz in Mittel- und Südamerika ausgestattet wird. Sehr schnell haben vor Jahren schon US-amerikanische Stiftungen z.B. die Rolle der katholischen Universität Löwen für den Reformkatholizismus in Mittel- und Südamerika und der Sozialinstitute ihres geistigen Kopfes Francois Houtart begriffen, den man mit Recht den »Vater der Befreiungstheologie« nennen darf. 1964 und noch einmal 1969 wurden ihm aus den USA »einige 100.000 $« für Forschungsmittel zur Verfügung gestellt: man war dabei, wollte alle Informationen und suchte (oder hatte?, ein aparter Gedanke) Einfluss auf die Forschung und die Ausbildungsinstitutionen15 der »Befreiungstheologen«.
Von Anfang an hat die Globalisierung des »american creed« im Doppelsinn des Wortes der Kultur und besonders auch der Religion gegolten16. Die US-Religionswirtschaft verfolgt kategorial genau die Eroberungsstrategie wie sie akribisch bei Frances Stonor Saunders »Wer die Zeche zahlt. Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg«, 199917 dokumentiert ist: als strategisch mit allen Mitteln vorangetriebene Infiltration jeder Nische des europäischen Kulturbetriebs durch freiwillige und unfreiwillige Sympathisanten der US-Wirtschaft und US-Kultur. Einsatz verdeckter Regierungsgelder über als Strohmann fungierende Stiftungen18, inszenierte Diskurse, Sponsering von Veröffentlichungen, Vermarktung und Vernetzung von wichtigen Autoren und »Key-Persons« mit US-Instituten, subversive »schwarze« PR-Aktionen, durch Verlockungen oder Erpressungen erzwungene persönliche Abhängigkeiten – all dies gehört zur Normalität jeder von der US-Wirtschaft immer umfänglicher kontrollierten »Kulturarbeit« – auch bei uns. Wer Saunders Bericht, speziell die Abschirmung besonders wichtiger kulturpolitischer Aktionen durch zwischengeschaltete »Stiftungen« zur Kenntnis genommen hat, fragt sich natürlich auch, welche Rolle der in Sachen Marktpositivierung bekanntermaßen umstrittene Verleger wirklich spielt, der mit seiner Personen-Stiftung die Mehrheitseinlage von 13 Millionen DM als Gesellschafter in den neuen Spartensender »Bibel-TV« eingebracht hat. Sollte hier das von Robert A. Seiple als Abteilung des US-Außenministeriums geleitete »Office of International Religious Freedom« keine Rolle spielen? Dies ist schwer vorstellbar und es wäre interessant, den religionspolitischen Aktionsdruck von Seiples in allen US-Botschaften weltweit umfänglich präsenter Behörde ausführlicher zu verhandeln19. Keine Frage dürfte jedenfalls sein, dass »Bibel-TV« ein weiterer strategischer Medien-Türöffner für den US-Neoevangelikalismus sein soll. Wie schon die ersten »biblischen Talk-Sendungen« zeigen, wird in ihnen das kirchliche Christentum so geschickt verfremdet, dass ein theologischer Laie zwischen Kirche und neoevangelikaler Religionswirtschaft kaum mehr unterscheiden kann, wie es wohl auch beabsichtigt ist. Es überrascht nicht, dass sich die katholische Bischofskonferenz, die sich über die sehr seltsam konstruierte Astratel (wer zahlt wirklich die »kirchlichen« Gesellschafter-Anteile?) als Gesellschafter zunächst auch in die Trägerschaft von »Bibel-TV« hatte einbinden lassen, dieses Boot nach interner Aufklärung über die Hintergründe und die schon validierten Operationen der neoevangelikalen Mitgesellschafter vor dem Start am 1. Oktober schon wieder verlassen hat.
Wie »Bibel-TV« dürfte auch der eben erfolgte Start der neuen charismatischen Vierteljahres-Zeitschrift »Come« (Auflage 150.000) Teil der Strategie sein, die Kirchen selbst für den kulturellen Gestaltgewinn des US-Wohlstands-Evangeliums und als Gewährträger der kulturellen Legitimität dieser marktgerechten Form von »Christentum« einzubinden. Wer Profil und Programm des US-Missionswerks »Jugend mit einer Mission«20 kennt, das den früheren Herausgeber seines deutschen Magazins »Auftrag« als Chefredakteur stellt, erkennt Strategie und Programm: es besteht nicht nur in dem von der Redaktion propagierten glaubensstarken »Rechnen mit der Normalität des Heiligen Geistes bei der Gestaltung des persönlichen Lebens, der Kirchen und der Gesellschaft«21, sondern in der umfassenden rationalen Kombination des Religiösen mit der totalen Freiheit des Marktes, die ein amerikanisiertes Gehirn überhaupt nicht mehr voneinander unterscheiden kann: eine »confusion«, die fortwährend Psychologie mit Theologie verwechselt, weil sie anderes nicht mehr zu denken gewöhnt ist.


III. Die Funktionalisierung der »Allianz« für den US-Neovangelikalismus


Immer mehr »Pastoren«, Verkündiger und Mitarbeiter der Allianz-Szene sind in den USA »ausgebildet« bzw. weitergebildet und haben Dauerkontakte zur religiösen und damit zugleich auch politischen Rechten in den USA. Sie ahmen den agitatorischen Stil der großen »US-Gospel-Manager« nach und betreiben die typisch exzessive, mit allen suggestiven Mitteln konditionierte Entscheidungsverkündigung auf der Grundlage einer völlig unproblematisierten Selbstverortung im marktkapitalistischen Kontext. Sie verkündigen individuelle Erfolgsorientierung und ein enges, genau normiertes Lebenskonzept als göttliche Wahrheit. Ohne sich mit strapaziösen ekklesiologischen Reflexionen aufzuhalten versuchen sie endgültig das bei Ernst Bunke, Die Evangelische Allianz 190722, schon idealtypisch bemusterte Revival alter Allianzbemühungen zum Erfolg zu bringen: »über die vorhandenen Kirchenstrukturen hinweg«23 eine auf allen Ebenen handlungsfähige »neue Allianz« zu formen, die selbst ganz die sichtbare Kirche der »Bekehrten und Wiedergeborenen« sein will, eben der »Neo-Evangelikalen«, die aus ihrem »Glauben« ein massives Selbstbewusstsein der Auserwähltheit und Rechtgläubigkeit ableiten. Wie Bunke Theodor Haarbeck 1904 zitiert: »Zweifach« ist der Name »Allianz« geworden24. Die Verschleierung der neuen Strategie, die die Trennung gegen die Landeskirchen herbeiführt, ist Methode. Man stellt sich nicht, will es nicht, weil man die kirchliche Infrastruktur benutzen will. Und man kann es auch nicht: Alles was aus der Allianz den Landeskirchen früher vorgeworfen wurde: Liberalismus, Anpassung an »weltliche Bedürfnisse« und Politisierung, Kungeln der Kirche mit der Staatsmacht, wird vom eigenen frommen Planen vielfach überboten. Die »neue Allianz« will »die kulturell relevante Gemeinde« (Strauch), die Transformation der eigenen Religion in eine imperative und konstruktive Macht in den sozialen und politischen Lebenswelten der Individuen«25. Und dafür ist nun »eine konzertierte Aktion aller bibeltreuen Christen zur Durchsetzung göttlicher Maßstäbe in der Gesellschaft« in Gang zu bringen26. Weltweit soll die »alle wiedergeborenen und bibelgläubigen Christen« vereinende »Allianz« wie in den USA nun auch in Deutschland eine effektive kulturpolitische Kraft sein und den christlichen Glauben vor allem gegenüber dem Islam als die überlegene Religion präsentieren. Denn auch diese neue Allianz benötigt für ihre labile Gruppenkohäsion einen Feind, der derzeit auch passend vorhanden ist. Und so liefert die fromme »Kriegserklärung der Guten an die Bösen« die primitiv-moralisierende Welterklärung, die »immer noch einen wichtigen Teil des kollektiven Unterbewussten bildet, das von politischen Eliten und Fanatikern geschickt instrumentalisiert wird«27.
Der Repräsentant der Konferenz Evangelikaler Publizisten (KEP) Wolfgang Baake, zugleich Allianz-Beauftragter bei der Bundesregierung in Berlin, definiert die neuen Verhältnisse mit der Kampfparole: »Die Zeit der Stillen im Land ist vorbei«28. Der Allianz-Vorsitzende Peter Strauch ruft die wiedergeborenen Allianz-Christen zu massiven politischen Aktionen auf- und scheut nicht die Werbung für die Partei Bibeltreuer Christen. Unzweifelhaft kommen darin theokratische Tendenzen zum Ausdruck, die für diese neuen religiös-politischen »Vordenker, Visionäre und entscheidenden Macher« (so die Selbstprädikationen des Allianz-Generalsekretärs)29 der Ansporn sind, immer dichtere »Netzwerke« zu spinnen, um das weltweite Reich Gottes zu schaffen. Der Allianz-Gebetskalender für den Januar 2001 brachte als Bußgebet: »... dass wir uns zu wenig politisch betend engagierten und die unterstützten, die ein christliches Menschenbild vertreten«. Und der Allianz-Gebetskalender für April 2002 gibt noch entschlossener vor: »die Voraussetzungen für eine göttliche Heilung unseres Landes müssen erfüllt werden«30. Im August 2002 fordert die Allianz noch einmal »einen für alle Bevölkerungsgruppen verbindlichen Wertekonsens«31. Nichts an Reflexion findet sich innerhalb der »Allianz« darüber, daß in ihrem Aktionismus »religiöse Gebote unmittelbar auf alle Lebensbereiche übertragen werden und folglich auch das politische Gemeinwesen als ganzes unmittelbar fundieren soll«32. Man vergleiche dazu nur im Allianz-Gebetskalender 3/2002 den Text vom August: »… dafür, dass sich das öffentliche Leben in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Medien möglichst nah an den biblischen Ordnungen bewegt. Beides hängt unmittelbar zusammen und bedingt sich gegenseitig«. Nirgends wird der Modus dieser Verbindung problematisiert, der für unsere freiheitliche Demokratie eine ernste Bedrohung ist, die »implizit oder explizit auf die Negierung einer säkularen Rechtsordnung und einer relativ autonomen Ebene politischen Diskurses hinaus(läuft)«33. Was sie erzeugt ist die soziale Ausgrenzung der »Ungläubigen« und die rücksichtslos-inquisitorische Repression gegen Kritiker von außen und Dissidenten aus den eigenen Reihen. Nichts findet sich bei der Allianz an Reflexionen darüber, dass »die Besetzung des politischen Raumes durch religiöse Sprache im Gegenzug eine Politisierung des Religiösen (impliziert), in der die Religion sich selbst zum Instrument des politischen Machtkampfes darbietet oder als solche funktionalisiert wird«34.
Im Gegenteil: Zielgerichtet will Allianz-Vorsitzender Strauch die Mitglieder anhalten, die Medien zu kontrollieren und sich bei widergöttlichen Dingen sofort massenhaft zu beschweren, in Schulen und Bildungseinrichtungen Ämter zu übernehmen und bei »eklatanten Verstößen gegen das biblische Menschenbild« die Schulaufsicht, die Medien und politische Instanzen zu informieren und ggf. Demonstrationen zu organisieren, um »sich angesichts ethischer Notstände öffentlich zu Wort zu melden«35. Immer aggressiver versuchen im Allianz-Verbund US-Ableger von moralpolitisch engagierten Gruppen wie z.B. »Mütter in Kontakt« eine Elternbegleitung der Schulwirklichkeit zu organisieren, die nach ihrem Prospekt erreichen will, »dass sich unsere Schulen von biblischen und hohen ethischen Werten leiten lassen«. Das Umfeld der Kinder wird als Lasterhöhle gesehen. Nur eine strenge Gehorsams- und Bewahrungspädagogik und das durch gemeinsames Gebet in Gang gebrachte Eingreifen Gottes könne hier helfen. Nur graduell unproblematischer geriert sich auch die religiöse Agitation der schulbezogenen Missionsveranstaltungen der in den letzten Jahren immer fundamentalistischer auftretenden SMD, die mit »Gebetstagen für die Schule« Einfluss auf die Schule als Ganzes gewinnen wollen. Ohne viel Rücksicht auf das in vielen Schwierigkeiten immer langsam gewachsene und gerade heute kostbar gewordene Vertrauen zwischen Schule und Kirche vor Ort betreibt sie im Namen Gottes eine aggressiv-frontale Missionierung, die sich um die in der Schule selbst u.U. verheerenden sozialen Folgen ihrer Trennung von Bekehrten und Unbekehrten nicht scheren will. Auch darum nicht, dass dies unsere kirchliche Mission, die eine subjektive »Bekehrung« oder »Wiedergeburt« niemals zur Bedingung des Christseins machen kann, öffentlich diskreditiert. Wir sind hier durch die Propaganda eines nur durch Bekehrung »vollen Christentums« kirchlich gefordert: Es bedeutet für die davon rekrutierten Kinder ein religiös-elitäres Bewusstsein, das einigen die Rollen Pharisäer oder Märtyrer viel zu
früh zu erfüllen auferlegt und sie seelisch für ihr Leben kaum mehr rückholbar beschädigt.

Jede theologische Analyse kann solcherlei für unser kirchliches Radar abgeschwächten sektenhaften Rekrutierungs-Instrumente des US-Neoevangelikalismus immer noch gut erkennen, auch die immer und überall menschlich höchst wirksame Strategie des »Love-Bombing« zur Anhängerwerbung36 mit dem Ziel, dass diese den aus dem Brutto gerechneten Zehnten zahlen. Immer ist dieses Thema präsent, oft das einzige Anliegen der Predigt, die dem, der den Zehnten, das eigentliche »religiöse Geschäft«, verweigert, Krankheit, Misserfolg und den Segensentzug Gottes ankündigt. IDEA zitiert den Leiter von JmeM Kanada, wonach »Christen, die den Zehnten nicht geben, besonders häufig unerwartete Sonderausgaben erleben«37. Der Teilnehmer wird auch in diesen strikt auf persönliche Bedürfnisse abgestimmten religiösen Unterhaltungs- und Verkündigungsangeboten wiederum zur Ware. Da er in der Regel ja auch nicht »Mitglied« mit vollen Rechten, sondern nur Kunde ist, erkennt er die Manipulation selbst oft genug nicht. Er lässt sich von rezepthaft und schematisch inszenierten Evangelisationen in diese neue religiöse »Kultur« eingliedern, die den oft komplizierten Lebensfragen mit primitivsten Hauruck-Lösungen begegnet. »Die brennenden Fragen des einzelnen werden letztlich nur zugedeckt«38.


IV. Die Einbindung unserer Kirchenwelt in die US-Religionspolitik in Deutschland


Lange hat sich die deutsche Kirchenszene nicht zuletzt dank des Engagements vieler in der »Allianz« das Recht und den Sinn auch einer »gläubigen Bibelkritik« noch mit ihrer religiös-kirchlichen Integrität beglaubigenden Persönlichkeiten dem Einfluss des US-Evangelikalismus entzogen und z.T. demonstrativ zu verweigern versucht. Die erst 1940 in den USA endgültig etablierte neue Staats-Ideologie der »vollen Religionsfreiheit«, die offiziell nur noch privatfinanzierte Religion kennt, hat nicht nur innerhalb der USA die religionspolitischen Koordinaten endgültig verändert. Sie schlug auch auf die zerstörten deutschen Kirchenverhältnisse nach 1945 durch, als es darum gehen sollte, dem nun voll aufdrehenden amerikanischen Religions-Unternehmertum den deutschen Markt zu öffnen. Major Crumm, Referent für Religion und Erziehung beim Amerikanischen Hauptquartier in Frankfurt brachte es am 28. August 1945 bei der ersten Konferenz der evangelischen Kirchenführer nach dem Krieg auf den
Punkt: »Ich komme vom Alliierten Hauptquartier in Frankfurt um zu bezeugen, dass unsere Politik die ist, religiöse Freiheit für alle Kirchen und Sekten zu gewähren. Die Menschen in den Vereinigten Staaten sind stark an dieser Konferenz interessiert«39.
Mit allen Mitteln hat der auch durch den Krieg intern erstarkte US-Evangelikalismus nach 1945 Einfluss auf die deutschen Religionsverhältnisse zu gewinnen versucht, denn es ging für sie nun um die wirtschaftliche, kulturelle und religiös-christliche »Missionierung der Deutschen«40 in einem. Schon der Aufbau der »Allianz« geschah unter tatkräftiger materieller Unterstützung der National Alliance of Evangelicals und des Fuller Seminars. Die Anstachelung der »Theologiefeindschaft mancher Allianzleute« und die Verstärkung und Vertiefung der Front der »Irrtumslosigkeit der Bibel« waren dabei schon nur noch Nebenfolgen: viel wichtiger war der Einfluss in und auf unsere christlichen Institutionen, den die US-Seite »mit Macht«41 suchte. Lange hat sich die Deutsche Evangelische Allianz noch gesträubt, mit ihrer US-Stiefschwester zu kooperieren. Bei der Gründung der World Evangelical Fellowship 1951 war die deutsche Allianz offiziell auch nicht beteiligt. Im Gegenteil: die Gründung der Europäischen Evangelischen Allianz 1952 war noch einmal der Versuch eines Befreiungsschlags gegenüber der US-Dominanz, um eine Unabhängigkeit zu behalten, die sich vor allem inhaltlich nicht auf das US-Verständnis der »absoluten Irrtumslosigkeit der Bibel« festlegen sollte.
Zuerst »wackelte« die SMD 1954: sie ließ sich auf eine intensive Kooperation mit dem US-Neo-Evangelikalen Gaebelein ein, die trotz der Selektivität des Flirts mit dessen Vulgär-Fundamentalismus nicht ohne Folgen blieb. Für die Allianz im ganzen wurde es erst anders, als Billy Graham mit seinem ersten Besuch in Berlin 1954 und dann mit seinen Großveranstaltungen 1960, 1963, 1966 und 1970 die Türen geöffnet hatte. Jetzt wurden auch innerhalb der Allianz – weil man sie für die Organisation der Graham-Veranstaltungen brauchte – die Strukturen immer formeller und »offizieller«. Jetzt wurde auch die bisher am Schriftverständnis gescheiterte Mitgliedschaft in der WEF möglich und die Veranstaltungen häuften sich, in denen »das fundamentalistische Schriftverständnis durch die Intervention der Amerikaner zum tragen«42 kommen konnte. Damit war die Basis geschaffen, das Projekt zum Erfolg zu führen, den deutschen Protestantismus nach dem Muster der US-Frömmigkeit umzuformen, die die Bibel in extremer Form »wörtlich« versteht, d.h. sie wie magisches Werkzeug zur suggestiven Beeinflussung auch durch Laien bequem und vor allem »schnell und zuverlässig« handhabbar macht43. Wir brauchen nicht die religiösen Extreme des US-Fundamentalismus bemühen, deren Horror freilich auch in Deutschland in vielen Gruppen präsent ist. Auch in den USA war es die Mitte, die den neuen Kurs formte: »Nahezu 30 Jahre lang – vom Ende des Krieges bis in die siebziger Jahre – führte die massive Präsenz Billy Grahams und der sich erhöhende Einfluss der Institutionen, die er förderte, zu dem Eindruck, ein einheitlicher, kulturformender Evangelikalismus sei nach Amerika zurückgekehrt ... 1950 brachte seine erste, lange Zeit laufende Radiosendung ›The Hour of Decision‹ die später typisch werdende Mixtur von evangelikaler und antikommunistischer Leidenschaft. ›The Battle of the Republic‹ (der Schlachtruf der Republik) gab den Hintergrund für den Aufruf zur geistlichen Buße ab«44. Nicht die Teleevangelisten, Graham ist der Vater des modernen US-Evangelikalismus. Seine entschlossene Benutzung aller Medien, seine ungenierte Parteinahme für die US-Army und für den Vietnamkrieg insbesondere, seine dezidiert kulturintegrative, antiseparatistische Frömmigkeit, die auch gerade für Fundamentalisten merkwürdige Kompromisse mit dem american way of life eingehen konnte, machte ihn zum Idealtypus der neuen amerikanischen Staatsfrömmigkeit, die als »(Neo)Evangelikalismus« bezeichnet wird und »die enge Anlehnung an biblische Prophezeiung (meint), die die Symbole biblischer Heilsgeschichte (wir sind das Volk Gottes) mehr und mehr und immer ungenierter auf die amerikanische Nation und ihre Außenpolitik überträgt«45 und Gottvertrauen und Selbstvertrauen zur selben Sache macht.
Leben und Welt, Kirche und Glaube, Mitmensch und Politik werden auf das »prophetische Ziel« einer neuen Welt ausgerichtet, in der die USA und ihre staatstragende Religionswirtschaft weltweit nun die geistige und zugleich organisatorisch-strategische Mitte bilden. Berühmt wurde die von Carl Henry vom Fuller Seminar herausgegebene Zeitschrift »Christianity Today«. Sie flankiert Billy Grahams Wirken und promotet ihn weltweit als den Vater des »New Evangelicalism«. »Im Geprägtsein durch seine ›Kreuzzüge für Jesus‹ kam der Evangelikalismus nach Deutschland«46, schon 1954 in Begleitung von Carl Henry. Der Stil der Evangelisationsveranstaltungen des deutschen Pietismus änderte sich von nun an immer deutlicher statt in Richtung Gemeinschaft in Richtung Kundenwerbung: »Der Zweck heiligte hier nicht alle, aber erstaunlich viele Mittel«47. »Neu war, dass bei den Veranstaltungen die von Grahams Rede Berührten vortreten sollten, um dann eine Einzelberatung zu bekommen«48. Noch sah man damals aus der kirchlichen Perspektive keinen Gegensatz zwischen Ökumene und Allianz. Doch der Streit um die »Entmythologisierung« der Bibel ließ ein Klima entstehen, das dazu führte, dass der höchst folgenreiche Schritt 1968 dann doch zustandekam, der mit der Mitgliedschaft der Deutschen Evangelischen Allianz in der WEF den Pietismus in Deutschland nun auch zu einem »Evangelikalismus« machen sollte.
1974 konnte Billy Graham dann den nächsten entscheidenden Coup landen: die Gründung der »Lausanner Bewegung« als den vollen religiös-mentalen Ersatz für »Genf«, in US-Optik immer »die Ökumene der Deutschen«. Ein größerer zeitlicher Abstand dürfte vermutlich noch schärfer die Konturen jenes Bruches zeichnen, der dadurch im Bewusstsein des deutschen Pietismus entstanden ist: die Zentrale der Weltevangelisation wird von einer neuen globalen Bewegung gebildet, die inhaltlich von der »Lausanner Verpflichtung« bestimmt ist. Und diese Festlegung impliziert die Anerkennung der Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, also eine kompromisslose Auffassung von Verbalinspiration. Von dem, der sich verweigert, gilt: Er »verdammt sich selbst zur ewigen Trennung von Gott« (Nr. 3 der »15 Thesen zum Plan Gottes«). »Lausanne wurde der Spaltpilz in den Verbindungen des Kirchenprotestantismus mit seinen pietistischen Bewegungen und Organisationen. Danach war nichts mehr, wie es war. Unsere Kirchenwelt wurde immer schwärzer gemalt und die Allianz errichtete systematisch eine Parallelorganisation nach der anderen gegen die vorhandenen Kirchenstrukturen«49. »Lausanne II«, der zweite Weltkongress 1989 in Manila goss weiter Öl ins Feuer und »stärkte weltweit die damals sich formierende evangelikale Bewegung«50. Heute stehen »Lausanne« und WEF sogar schon vor einer Fusion51.
Am wichtigsten für die neue »Einheitsarbeit« der Allianz ist IDEA geworden, der Pressedienst der Allianz, der sie vielleicht in viel entscheidenderer Weise zusammenhält, als ihre Hauptakteure öffentlich zugeben. Die Behauptung der Einheit und das rituell-feierliche Beschwören ihrer »Visionen« überspielt die großen internen Differenzen, die wie bei der Christian Coalition in den USA allein die politische Gesamt-Ausrichtung übertüncht. Die heute sich immer mehr als »neue Konfession« präsentierende »Evangelikale Allianz« – dieser Name wäre zutreffender und ehrlicher – versteht sich bei genauerem Zusehen nur als kultureller Glaubenswächter gegenüber den Kirchen ebenso wie gegenüber der Gesellschaft. Insbesondere der seit 1997 tätige »Arbeitskreis Religionsfreiheit« verfolgt erkennbar religionspolitische Ziele, die u.a. die kirchliche Kritik am neoevangelikalen US-Sektenimport zum Schweigen bringen wollen. Einschlägige christliche Sektierer wie Wolfhard Margies bitten die »Allianz« um »Schutz vor Angriffen durch Behörden- und Kirchenvertreter. DEA-Vorsitzender Strauch versprach ihm diesen«53. Solche Hilfe der Allianz firmiert dann unter »Menschenrechtsfragen« bzw. Engagement für die »Religionsfreiheit«54. Man staunt: Der »Arbeitskreis Religionsfreiheit« begründet dies mit den Wurzeln der Allianz als »erste(r) Menschenrechtsorganisation«. Seine Verlautbarungen gegenüber der politischen Öffentlichkeit sind in weiten Passagen textgleich mit schon vorher erschienenen religionspolitischen Pamphleten von amtlichen und halbamtlichen US-Instituten und -Behörden gegen die Sektenpolitik in Deutschland und Frankreich. Dies verwundert nicht: Mit der Gründung des »Arbeitskreis Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz« 2000 werden schon länger bestehende Wünsche aus dem evangelikalen US-Kontext erfüllt: »In einer immer stärker vernetzten Welt ist es zunehmend wichtig, dass deren Stimme in Fragen der Wahrheit, der Religionsfreiheit und der Grundwerte geschlossen zu Gehör gebracht wird« . Der deutsche »Arbeitskreis« ist jedenfalls im Jahr 2000 ganz offiziell eine Unterabteilung der »Kommission für Religionsfreiheit« der »Weltweiten Evangelischen Allianz« (WEF oder WEA), »die seit 1997 auch einen Beraterstatus bei den Vereinten Nationen besitzt und jährlich offizielle Berichte an die UNESCO übergibt. Die Kommission hat 12 Mitglieder aus allen Erdteilen und 20 führende Politiker aus aller Welt als Berater«. Die Verwicklung einiger Kommissionsmitglieder in die US-Sektenpolitik für Scientology ist bekannt.
Immer deutlicher betont die »Allianz« ihre eigene »kirchliche« Rolle auch in der Öffentlichkeit. Quasi hinter dem Rücken der Kirchen versucht sie in allen deutschen Schulen direkt präsent zu sein und drängt darauf, für ihre einschlägigen Internet-Angebote in den Schulen werben zu dürfen55: Unübersehbar haben bei der Allianz gerade im Einsatz für eine »biblische« Gesellschaftsmoral politische Motive die Oberhand über die großen christlichen Grundwahrheiten gewonnen, wie sie in der heiligen Schrift und in den altkirchlichen Bekenntnissen zum Ausdruck kommen, die eine bestimmte Verpflichtung sehr klar zu erkennen geben: dass der Gläubige sich jeweils nun genau nicht im alleinigen Besitz der christlichen Wahrheit wähnt, sondern zur Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und zur Toleranz bereit ist und in Worten und Taten seines Glaubenszeugnisses jede sektiererische Gesinnung vermeidet.


V. Ein vorläufiges Ergebnis:


Es würde den Blick auf die Breite des US-Einflusses auf unsere Kirchenwelt verstellen, wenn wir nur die Problematik des importierten Neoevangelikalismus und seiner deutschen Hauptagenturen Allianz, Lausanner Bewegung, Pro Christ56 betrachten würden. In anderer Form ist der den Kirchen zugewandte Sektor der Unternehmensberatungen kaum weniger geeignet, das Kirchliche im Sinn des »american creed« zu verfremden. Auch hier bedarf es des theologischen Skalpells, um die pure Wachstumsideologie einer in nunmehr vorwiegend kommerziellen Kategorien denkenden Unternehmenswelt, die das Kirchenmitglied genau wie der Evangelikalismus zum »Kunden« degradiert, von einer ernstlichen Bemühung um eine verantwortungsvolle kirchliche Organisation und Seelsorge getrennt halten zu können – hier freilich ein eigenes Thema. Nur noch soviel: die Apostel des Neoevangelikalismus wie ebenso der totalen »Kundenorientierung« aus der Unternehmenstechnik vergessen, dass ihre Methoden nur danach fragen, welchen persönlichen Nutzen der Glaube dem Kunden bringt. »Gerade der religiös aktive Amerikaner (wählt) in der Regel seine Denomination und damit die ihm persönlich genehme Doktrin selbst und zwar mitunter nach Maßgabe ganz rationaler Interessen«57. Eine wirklich religiöse Haltung oder gar Entscheidung ist damit nicht (mehr) verbunden.
Es dürfte nicht verfehlt sein, ganz altmodisch wieder daran zu erinnern, dass unsere Kirchen eine andere, öffentliche Aufgabe haben, die wie alle öffentlichen Dinge nicht der Ökonomisierung preisgegeben werden dürfen, wenn sie ihren Sinn wirklich erfüllen sollen. Schon die einfache symbolische Existenz der Kirche ist viel entscheidender, als selbst wir Pfarrer oft annehmen. Dem mit der Globalisierung geführten Generalangriff auf die europäische Kultur, zu der unsere »alte« Kirchenwelt gehört, die im Verbund alle wesentlichen sozialen Aufgaben in öffentlicher Ordnung regelt, ist deshalb so zu begegnen, dass die kostbare Eigenschaft unserer Kultur zur Anwendung kommt, die es im US-Kontext fast nicht mehr gibt: die Kritik. Kritik fragt nicht danach, ob etwas im Moment funktioniert, sondern fragt, was dabei am Ende insgesamt und wahrheitsgemäß herauskommt.
Ein Religions-Unternehmer wie der auf NBC und dem neuen Bibel-TV dauerpräsente Robert Schuller mag für seine aufwendig orchestrierte Religionsshow zwar einen riesigen Glaskasten bauen und diesen dann »Cristal-cathedral« nennen wie auch Billy Graham sein 5.000 Personenzelt »Canvas-Cathedral« nannte. Aber dies alles ist dennoch keine »Kathedrale«. Wer heute im Blick auf unsere natürliche Umwelt über Nachhaltigkeit nachzudenken gelernt hat, weiß: auch unsere religiöse Welt braucht Nachhaltigkeit, Beständigkeit, eine Breite des Gewissheitsfundaments, die das neoevangelikale »religious shopping« nicht bringen kann. Was in diesem neuen Pop-Christentum verloren geht, ist die kirchliche Tradition und der Begriff von Kirche überhaupt, wie Hunt es sagt: christlich »the ultimate ›sell-out‹, doctrinally and culturally«58.
Wir dürfen nicht übersehen: Die primäre Geldorientierung, wie sie der Markt erzwingt, lädt zum Mißbrauch in ganz neuen Größenordnungen und Formen ein. Wir sehen in und an den USA, wie die Entinstitutionalisierung und die Auslieferung des Religiösen an den Markt über kurz oder lang das Gegenteil ihrer Propagandisten erreicht: der Markenartikel Kirche wird zum öffentlichen Negativwort. »Kirche« wird zum Synonym für eine religiöse Geschäftemacherei, in der von vornherein mit Gewinnern und Verlierern, unmoralischen Praktiken und kriminellem Vorgehen der Führungspersonen zu rechnen ist. In den USA ist die Literatur schon zahlreich, die sich mit den »bad pastors«, mit »abuse of power« und »abusive churches«59 beschäftigt«. Dass dann sogar schon in den USA »Kirche kein Medienthema mehr ist«60, die Colleges und Universitäten sich mehr und mehr religiösen Themen und Veranstaltungen verweigern61, ja dass in den USA »die Indifferenz gegen das Christentum wächst, das kulturelle Klima gerade zu christentumsfeindlich wird« (hostile to Christianity)62, darf nicht verwundern. Der neoevangelikale Aktionismus übertüncht die abgrundtiefe Säkularität der US-Gesellschaft, die er mit dieser Form von »Christentum« nie überwinden wird. Seine Führer in den USA haben längst begriffen, dass ihr »theocratic colossus« nicht in der Lage sein wird »to accomplish the changes needed within American society«63. Statt religiöser »policy-control« bleibt nur eine vom US-Establishment abhängige Religionswirtschaft.
Unsere Kirche braucht deshalb Geduld, Durchhaltevermögen und eine kritische Distanz zur neuen christlichen Religionswirtschaft. Der aufgezogene neoevangelikale Spuk wird zwar nicht vorbeigehen. Er wird sein begrenztes Publikum noch lange behalten – und ausbeuten. Dies soll uns nicht anfechten: Seine Behauptungen missionarischer Erfolge, mit denen er kirchlich hausiert, sind Luftblasen. 95–98% des Mitgliederzuwachses der neoevangelikalen Gruppen und Gemeinden sind nur Transfergewinne aus Landeskirchen und vor allem – und dort inzwischen besonders schmerzlich – aus den traditionellen Freikirchen und dem immer weiter abmagernden Gnadauer Verband. Das Schlimme daran ist für uns, dass die von uns oft selbst zugelassene Abwerbung nicht kirchliche Randsiedler betrifft, sondern unsere Kerngemeinde und uns nach jeder neuen Aktion irgendwo wieder wichtige Mitarbeiter fehlen. Und diese fehlen nicht nur menschlich, sie treten auch aus der Kirche aus.
Wir können uns zwar damit etwas trösten: Die Schlichtheit der neoevangelikalen Akteure und Marketing-Agenten reicht nicht an die Fähigkeit der Kirche heran, Menschen innerlich auf Dauer und in der Zulassung einer diskreten, aber tiefen Gläubigkeit in Freiheit zu binden. Dennoch ist die Voraussetzung auch solcher Glaubensfreiheit das Wissen, an was ich mich binde oder gebunden bin und dies heißt: dass die Kern-Inhalte der christlichen Religion im wesentlichen und ganz traditionell gedacht in den Jahrgangsbreiten der Generationen präsent sind, dass man sie wiedererkennt wie das Bild der Kirche, die zu dem Stück Erde gehört, das für einen Menschen auch unserer Zeit noch so etwas wie Heimat ist. Wir haben viel zu tun, um gegenüber dieser neuen Herausforderung uns richtig und gut kirchlich neu aufzustellen.


Anmerkungen


Vortragstext beim »Ortenauer Studientag« der Dekanate Kehl, Offenburg und Lahr, 15. Oktober 2002 Lahr.

1 Thomas Kern: Zeichen und Wunder. Enthusiastische Glaubensformen in der modernen Gesellschaft, Frankfurt 1997, S. 133.
2 Clemens Albrecht: Wovon wir gelebt haben. Zum geschichtlichen Hintergrund der neuen Unsicherheit, Vortrag 16. November 1993 Ev. Akademie der Pfalz in Enkenbach, MS S. 13.
3 Ralf Dahrendorf: Liberale Ordnung, in: FAZ 6. April 2002, S. 9: »Globalisierung heißt immer zugleich Entdemokratisierung«.
4 Thomas Kern aaO. S. 427f; zum »neuen christlichen Paradigma« des 3. Jahrtausends vgl. den Überblick bei Paul Elbert: The Globalisation of Pentecostalism. A Review Article, in: Trinity Journal 23. 2002, S. 81–101; wie selbstverständlich wird hier die »Neue Globale Reformation« (92), die weltweit schon ein Drittel des Christentums umfasst, als die neue »global culture« markiert (82ff, 86f). Dieses »neue Christentum« ist das Christentum nicht der Taufe, sondern der Bekehrung, der Unmittelbarkeit von Gottes Wort in der Schrift und »in prophetischer Weise« über sie hinaus, das Christentum nicht des Johannes oder des Paulus, sondern das Christentum des Lukas und der »missionary successful« fortgeschriebenen Apostelgeschichte.
5 Thomas Kern aaO. S. 246.
6 Vgl. bei Christoph Morgner: Geistliche Leitung als theologische Aufgabe. Kirche, Pietismus, Gemeinschaftsbewegung, Stuttgart 2000, S. 31.
7 Bischof Michael Keller, in: Laurenz Böggering (Hg.): Iter para tutum. Apostolat in der modernen Welt. Hirtenworte des Bischofs von Münster Dr. Michael Keller, Münster 1961, S. 74.
8 Martin Riesebrodt: Fundamentalismus, Säkularisierung und die Risiken der Moderne, in: Heiner Bielefeldt und Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Politisierte Religion. Ursachen und Erscheinungsformen des modernen Fundamentalismus, Frankfurt 1998, S. 67–90, hier S. 68f.
9 Als Standardwerk dazu: Steve Brouwer, Paul Gifford und Susan Rose: Exporting the American Gospel, New York 1996.
10 Stephen J. Hunt: Religion in Western Society, London 2002, S. 47.
11 Reinhard Paczesny: Was ist geheim an der Verführung? Strategien, Techniken und Materialität der Werbung, in: Hans Ulrich Gumbrecht und Ludwig K. Pfeiffer (Hg.): Materialität der Kommunikation, 2.Aufl. Frankfurt 1995, S. 474–483, hier S. 481.
12 Paczesny aaO. S. 482.
13 Hubert Knoblauch: Populäre Religion. Markt, Medien und die Popularisierung der Religion, in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 8. 2000, S. 143–161, hier S. 160.
14 »Deutschland ist eine unglückliche Kolonie«, Interview mit Richard Sennett in der WamS 29.9.2002.
15 Vgl. Andrea-Isa Moews: Eliten für Lateinamerika. Lateinamerikanische Studenten an der Katholischen Universität Löwen in den 1950er und 1960er Jahren, Köln 2002, bes. S. 208ff.
16 Vgl. die div. Beiträge zum Thema Kulturelle Globalisierung in der Beilage zur Wochenzeitung »Das Parlament« vom 22. März 2002 (Heft 12/2002)
17 Frances Stonor Saunders: Wer die Zeche zahlt. Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg. Aus dem Englischen von Markus P. Schupfner, Berlin 2001 (engl. Original London 1999).
18 Vgl. René A. Wormser: Foundations. Their Power and influence, New York 1958, bes. S. 288ff.
19 Fouchereau aaO. S. 20.
20 Zu »Jugend mit einer Mission« (JmeM) vgl. bei Thomas Kern, Zeichen und Wunder aaO. S. 235, 267ff und den ausführlichen Exkurs zu JmeM S. 285–296.
21 Vgl. IDEA Nr. 112/2002 vom 30. September 2002.
22 Vgl bei Ernst Bunke, Die Evangelische Allianz, 1907, abgedruckt in: Kirchl. Jahrbuch 35. 1908, 286ff.
23 So ihr Vorsitzender Peter Strauch: Die Zukunft der Evangelischen Allianz, in: Aufatmen 1/2002, S. 59.
24 Bei Bunke aaO. S. 286 und 293: »entweder wird eine neue ›Kirche‹ daraus oder eine Fülle von Sekten«.
25 Ahmet Cigdem: Religiöser Fundamentalismus als Entprivatisierung der Religion, in: Heiner Bielefeldt und Wilhelm Heitmeyer aaO. (Anm. 9), S. 91–107, hier S. 93.
26 So der Präses des Gnadauer Verbandes Christoph Morgner in Allianz-Intern 3/2001, S.2.
27 Jean-Claude Wolf: Zu viel des Guten im Kampf gegen das Böse. Zur Nähe von Gut und Böse, in: NZZ 27. Juli 2002, S. 54.
28 Wolfgang Baake: Das kleine blaue Buch, in: Pro. Christliches Medienmagazin 1/2002, S. 10f.
29 So die Selbstvorstellung von Hartmut Steeb im Prospekt des »Dünenhof-Festival« 17.–20.5. 2002.
30 Allianz-Gebetskalender April 2002.
31 Allianz-Referent und Vorstandsmitglied der WEA Rudolf Westerheide in IDEA-Spektrum 32/33 2002 S. 14.
32 Heiner Bielefeldt und Wilhelm Heitmeyer: Politisierte Religion in der Moderne, in: dieselben: Politisierte Religion. Ursachen und Erscheinungsformen des modernen Fundamentalismus, Frankfurt 1998, S. 11–32, hier S. 14.
33 Bielefeldt / Heitmeyer aaO. S.15
34 Bielefeldt / Heitmeyer aaO. S. 15.
35 Strauch aaO.
36 Zur Rolle des Love-Bombing im Neoevangelikalismus vgl. bei Thomas Kern aaO. S. 212ff.
37 Vgl. IDEA Spektrum 49/2001, S. 16f.
38 Bei Kern aaO. (Anm. 2) S. 219f.
39 Siehe bei Fritz Söhlmann: Treysa 1945, Lüneburg 1946, S. 11f. Die von Crumm hinzugefügte Verlesung von Römer 12, 1–2 zeigt den frömmelnden Druck, der ausgeübt werden sollte.
40 S. bei Stephan Holthaus: Fundamentalismus in Deutschland. Der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts, Bonn 1993, S. 306ff.
41 Vgl. Bei Holthaus aaO. S. 316.
42 Vgl. bei Holthaus aaO. S. 456.
43 Vgl. dazu bei Kern aaO. S. 232ff zur magischen Kernkomponente des Evangelikalismus.
44 Mark A. Noll: Evangelikalismus und Fundamentalismus in Nordamerika, in: Ulrich Gäbler (Hg.): Der Pietismus im 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 2000, S. 466–532, hier S. 516f.
45 Vgl. dazu ausführlich Paul Boyer: When Time shall be no more: Prophecy Belief in Modern American Culture, Cambridge 1992, bes. S. XIf.
46 Eberhard Busch: Der Pietismus in Deutschland seit 1945, in: Ulrich Gäbler aaO (Anm.45), S. 533–567, hier S. 544.
47 Bei Busch aaO. S. 545.
48 Bei Busch aaO. S. 554 Anm. 28.
49 Bei Busch aaO. S. 546.
50 Vgl. die neue Website: www.lausannerbewegung.de, dort »Die Lausanner Verpflichtung« wie weitere Texte.
51 Vgl. IDEA Spektrum 28/2002 S. 28. Die WEA »repräsentiert etwa 150 Millionen Christen in mehr als 110 Ländern.
52 Topic Informationen Nr. 4 April 2002 S. 2.
53 Vgl. Allianz-Intern 2/2001, S.5.
54 Allianz-Gebetskalender 1/2001, S. 55 zum 30. April 2001.
55 Offener Brief des Generalsekretärs der »Allianz« Hartmut Steeb »An alle Schulverwaltungen, Schulleitungen und Lehrerkollegien« in Deutschland vom Dezember 2001.
56 Ausdrücklich bezeichnet seit Oktober 2002 der Billy Graham Trust auf dem Briefbogen seiner Hilfsorganisation »Deutsche Evangelische Allianz, Lausanner Bewegung und Pro Christ« als seine »Partner«.
57 Frank Unger: Christlicher Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten von Amerika, in: Richard Faber (Hg.): Politische Religion – religiöse Politik, Berlin 1997, S. 267–289, hier S. 269.
58 Stephen Hunt: The ›Health and Wealth‹ Gospel in the UK: variations on a theme, in: Culture and Religion 3. 2002, S. 89–104, hier S. 94.
59 Vgl. bei Anson Shupe: Wolves within the fold: religious leadership and abuses of power, New Brunswick, N. J. Rutgers Univ. Press, 1998, ebenso: Anson Shupe, William E. Stacey and Susan Darnell: Bad Pastors. Clergy misconduct in Modern America, New York University Press 2000; dto: Steven Lambert: Charismatic captivitation, Authoritarian Abuse and Psychological Enslavement in Neo-Pentecostal Churches, Washington 1995; Mary Alice Chranlogar: Twisted Scriptures. A path to freedom from abusive churches, New York 1997.
60 Ferdinand Oertel: USA: Kirche kein Medienthema mehr?, in: Communicatio socialis 35. 2002, S. 53–57.
61 Candace DeRussy: The campus war against faith, in: Homiletic and pastoral review, New York, 102. 2002, S. 14–23. Ähnlich: James T. Burtchaell: The Dying of the Light: The Disengagement of Colleges and Universities From Their Christian Churches, New York 2001.
62 Gaylen J. Byker: The religious and moral foundations of civil society and free market economy, in: Journal of interdisciplinary studies, Santa Monica, 13. 2001, S. 1–14; Susanne Johnson: Christian Spiritual Formation In An Age Of »Whatever«, in: Review and Expositor, Louisville, 98. 2001, S. 309–331, hier S. 309.
63 Vgl. Corwin E. Smidt und James M. Penning: Sojourners in the Wilderness. The Christian Right in Comparative Perspective, New York und Oxford 1997, bes. S. 271ff.

Leserbrief senden Pfr. Dr. R. Z. ist Landeskirchlicher Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Ev. Kirche der Pfalz.




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